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Zentrumsgeschichte


Zentrumsgeschichte in Bayern: Lebendig, wechselvoll und ein Spiegel der Geschichte

Eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der deutschen Zentrumspartei bis heute findet sich auch auf Wikipedia.

Die deutsche Zentrumspartei wirkt in Bayern seit ihrer Gründung im Jahr 1870. Da die Zentrumspartei in Bayern sich auch aus dem Bayerisch-Patriotischen Bauernverein entwickelte, reichen die Wurzeln der bayerischen Zentrumspartei sogar bis 1869 zurück. Die Zentrumspartei in Bayern fasste sich im Kaiserreich als eine Verfasungspartei auf, die die soziale Frage thematisierte und sich darüber hinaus für die förderale Struktur Deutschlands einsetzte. In Bayern arbeitete das Zentrum im Kaiserreich lange erfolgreich mit der Sozialdemokratie zusammen. 1887 schlossen sich die bayerischen "Patrioten" mit der Zentrumspartei zusammen und traten in Bayern und zu den Reichstagswahlen als Zentrumspartei an.

Nach dem 1. Weltkrieg formierte sich die Zentrumspartei 1919 in Bayern als „Bayerische Volkspartei“ und war von 1919 – 1933 durchgängig stärkste Partei in Bayern und in allen Landesregierungen vertreten. Heinrich Held führte als bayerischer Ministerpräsident die Kabinette in Bayern von 1924-1933 an. Im Reichstag bildete die BVP mit der Zentrumspartei eine Fraktionsgemeinschaft. Das ZENTRUM hat in den ersten 60 Jahren des Bestehens als politische Partei soziale Reformen (Einführung von Kranken- und Rentenversicherung) mit getragen und errichtete 1927 die moderne deutsche Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung.

Als Partei der demokratischen Weimarer Koalition – besonders nachdem der letzte Reichskanzler der Zentrumspartei Brüning die SA und SS am 16. Juni 1932 verboten hatte – wurden Politiker der Zentrumspartei nach Beginn des nationalsozialistischen Terrorregimes (der sog. Machtergreifung) verfolgt und inhaftiert. Viele Zentrumspolitiker flohen vor der Verfolgung und gingen ins Exil.

Während in Deutschland gebliebene konservative Politiker nach dem Krieg die CDU/CSU gründeten, wurde das ZENTRUM erst etwas später von aus Exil und Konzentrationslagern zurückkehrenden Politikern des ZENTRUM – wie Dr. Carl Spiecker, der aus dem Ausland gegen den Naziterror gekämpft hatte – wieder gegründet. Entgegen gängiger Meinung ging das ZENTRUM nie in der CDU/CSU auf.

Das ZENTRUM, das für die Ausgestaltung des Wirtschaftssystems der Bundesrepublik als „soziale Marktwirtschaft“ maßgeblich mitverantwortlich ist, hat redaktionell auch an der Erstellung des Grundgesetzes mitgewirkt (Herrenchiemsee) und ist auch nach 1945 „bundestagserfahren“.


Die traditionsreiche Vergangenheit des Zentrums ist für die Partei im 21. Jahrhundert Verpflichtung, aus Verantwortung vor der deutschen Geschichte in Gesellschaft und Staat eine führende Rolle wieder zu gewinnen.

Lesen also den Abriss der wechselvollen Zentrumsgeschichte, die bis heute die Identität unserer Partei bestimmt:

Beginn als Sammlungsbewegung der Katholiken

Nach seiner Gründung galt das ZENTRUM als politisches Sprachrohr des Katholizismus. Auch aus der Erkenntnis, daß die katholische Kirche in weiten Teilen Deutschlands unter Druck geriet - der im sog. Kulturkampf Kulturkampf:Der Kulturkampf war die Auseinandersetzung des neu gegründeten deutschen Reiches mit der katholischen Kirche von 1871 bis 1978. Das deutsche Reich entzog der katholischen Kirche, den Priestern und den katholischen Sozialverbänden die finanziellen Mittel, Lehrerlaubnis und viele Rechte mehr, um die Staatsräson im gesamten Reich sicherzustellen. gipfelte - gründeten katholische Abgeordnete um Ludwig Windthorst und Bischof von Ketteler die Zentrumspartei. Die Gründungserklärung, die historische Soester Erklärung, finden Sie auf unseren Web-Seiten als historische Dokumentation

Parteipolitisch fassbar trat der politische Katholizismus zuerst in den süddeutschen Landtagen des Vormärz (vor 1848) auf, um sich schließlich mit der Reichsgründung 1871 endgültig im ZENTRUM zu stabilisieren. Der Katholische Klub, (Vorsitzender Joseph Maria Radowitz, Vizepräsident August Reichensperger) ein loser Zusammenschluss katholischer Abgeordneter in der Deutschen Nationalversammlung von 1848 in der Frankfurter Paulskirche, stellte hier ein Bindeglied der Entwicklung zur Partei dar. Der Katholische Klub als eine Art interfraktioneller Vereinigung war auf Verteidigung der Rechte der Kirche gegenüber dem Staat eingestellt. Er verstand sich nicht als Fraktion und leitete schon damals seine starke Stellung im Wesentlichen davon ab, dass er sich von vorneherein auf eine Volksbewegung stützen konnte, eine für damalige Verhältnisse vortreffliche Massenorganisation des katholischen Volksteils (z.B. die Piusvereine, später Windthorstbünde, katholische Arbeitervereine und christliche Gewerkschaften). 

Man stellte sich sehr schnell auf den Boden der mit der Reichsgründung 1871 neu geschaffenen politischen Freiheiten und nahm sie für die Kirche und die Lösung der sozialen Frage in Anspruch. Schon 1848 sprach Bischof Ketteler (damals noch der sog. "Bauernpfarrer", wegen seines unermüdlichen Einsatzes für die verarmten Bauern) auf der Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands in Mainz über die soziale Frage. Die politische Losung lautete: Freiheit der Kirche im Staate, möglichst auch Freiheit der Kirche vom Staate. Die Grundrechte der Preußischen Verfassung entsprachen den kirchlichen Wünschen. So gelang es, die katholische Bevölkerung auf kirchenpolitische Ziele zu einigen. Dies war für später eminent wichtig. Im Jahre 1852 bildete sich im Preußischen Landtag die Katholische Fraktion um die Gebrüder August und Peter Reichensperger sowie später Hermann v. Malinckrodt. Hier hatte es noch keinen Katholischen Klub wie in der Frankfurter Nationalversammlung gegeben. Aus Anlass der sog. Raumer`schen Erlasse (Gesetze gegen Rechte der Kirche, die in der Verfassung verbrieft waren), entstand große Aufregung in Teilen der Bevölkerung. Daraufhin erfolgten Aufrufe, katholische Abgeordnete zu wählen. Diese Aufrufe hatten großen Erfolg. Die Fraktion bildete sich bald nach den Wahlen und setzte sich energisch für das Festhalten an der Verfassung ein, da sie in den Verfassungsartikeln über das Verhältnis von Staat und Kirche ihren eigentlichen Hort sah. 

Durch den Krieg von 1866, in dem Preußen Österreich besiegte, wurde die großdeutsche Lösung eines Kaiserreiches unter österreichischer Führung, (und das hieß: katholischer Führung), welche die Katholische Fraktion und die von ihr vertretene Bevölkerung erhofft hatte, politisch unmöglich. So stellte die Reichsgründung Bismarcks unter preußischer (d.h. protestantischer) Führung für den katholischen Volksteil, der sich plötzlich in der deutlichen Minderheit gegenüber den Protestanten sah, eine große Enttäuschung, ja Bedrohung, dar. Die Befürchtung, kirchliche, verfassungsmäßig verbriefte Rechte zu verlieren, sollte sich später, im sog. Kulturkampf, bitter bewahrheiten. Unter diesem Begriff wird der Kampf der späteren Zentrumspartei gegen die beiden im Reichstag vertretenen und die Regierung bildenden Parteien der Konservativen und der Nationalliberalen Partei verstanden. Der Vorwurf der Regierung, die Zentrumspartei vertrete eine streng päpstliche Gesinnung (UltramontanismusUltramontanismus:Die Position, daß die katholische Kirche das Recht hat, auf die Katholiken - gleich welcher Staatsangehörigkeit - einzuwirken. ), war ein Hauptargument für den Versuch, die Rechte der Katholischen Kirche einzuschränken, ja diese regelrecht zu bekämpfen. Im Grunde genommen handelte es sich hier jedoch um den alten Kampf zwischen Staat und Kirche, der durch die Gründung des Reiches und die preußisch-protestantische Führung erneut belebt wurde. 

Diese Angriffe führten jedoch als Gegenbewegung zur engen Vereinigung und dem Zusammengehen der katholischen Abgeordneten der verschiedenen Reichsprovinzen, die am 13. Dezember 1870 die Zentrumsfraktion nach den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus gründeten. Diese Parteigründung war zum einen ein Ausdruck des Kampfes zwischen Staat und Kirche (d.h. auch: zwischen Liberalismus und Kirche) zum anderen die Vertretung der sozialen Interessen weiter Teile der in der Industrialisierung verelendeten Bevölkerung. Die Diskussion, ob die neue Fraktion auf rein konfessioneller oder auf politischer Grundlage begründet werden solle, entschied sich schließlich für die politische Grundlage unter starker Betonung der kirchenpolitischen Programmpunkte. Die kirchlichen Rechte in der preußischen Verfassung, ihre Erhaltung und ihre Übernahme in die Verfassung des zu begründenden Reiches war die wichtigste Forderung. (siehe auch unter Punkt: 1.2 Soester Wahlprogramm vom 28. Oktober 1870) Gründungsväter waren die bereits erwähnten Gebrüder Reichensperger, Hermann v. Malinckrodt, Karl v. Savigny, Freiherr v. Schorlemer-Alst, Ludwig Windthorst und Ernst Lieber, die beiden späteren Parteiführer. Vor allem Windthorst sollte sich bis zu seinem Tode 1891 als brillanter, ebenbürtiger politischer Gegner Bismarcks erweisen. 

Zentrumspolitik während des Wilhelminischen Kaiserreiches

Die neu entstandene Zentrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses gab sich folgendes Programm, welches fast ein halbes Jahrhundert lang unverändert das offizielle Programm der Partei bleiben sollte: Die Fraktion stellt sich zur besonderen Aufgabe, für Aufrechterhaltung und organische Fortentwicklung verfassungsmäßigen Rechtes im Allgemeinen und insbesondere für die Freiheit und Selbständigkeit der Kirche und ihre Institutionen einzutreten. Die Mitglieder derselben suchen dieser Aufgabe auf dem Wege freier Verständigung zu entsprechen, und soll die Freiheit des Einzelnen in Bezug auf seine Abstimmung keine Beeinträchtigung erleiden. Als Name wurde für die neue Fraktion angenommen: "Zentrum (Verfassungspartei)”. Der Zusatz "Verfassungspartei" sollte zum Ausdruck bringen, dass die neue Partei entgegen der monopolistischen Begehrlichkeit des falschen Liberalismus die Rechte, welche der Kirche in der Verfassung von 1850 garantiert sind, verteidigen will.” (A. Reichensperger). Andere Namen für die neue Partei wie: "Katholische Volkspartei", "Konservative Volkspartei", "Christlich-konservative Volkspartei" und "Antiliberale Partei" wurden diskutiert, aber verworfen. Bei den Wahlen zum ersten Deutschen Reichstage 1871 errang die Partei 57 Sitze und wurde damit die zweitstärkste Fraktion. Das ZENTRUM suchte aufgrund seiner Programmpunkte wie “stärkere Stellung der Einzelstaaten" und der "Forderung nach stärkerer provinzieller Selbstverwaltung” (bereits hier wird der stark föderative Aspekt der Stärkung der Rechte der Einzelstaaten in der Zentrumspolitik sichtbar, der sich neben die Sicherung und Stärkung der Rechte der katholischen Kirche stellte). 

Verbindung zu kleineren Fraktionen wie den Welfen (Hannover), Polen, Elsässern und Lothringern (Vereinigung mit dem ZENTRUM im Jahre 1906) sowie der Bayerischen Patriotenpartei (die sich 1887 mit dem ZENTRUM vereinigte). Konsequent verfolgte die Partei den von Windthorst vorgegebenen Kurs des Minderheitenschutzes und des Kampfes gegen jegliche Art von Ausnahmegesetzgebung. Dies und die Außenpolitik des ZENTRUMs blieben für Bismarck ein ständiger Grund dafür, das ZENTRUM mit allen Mitteln zu bekämpfen. Er sah in dem Vorgehen des ZENTRUMs einen Angriff auf den Staat und seine Einrichtungen, den er durch einen Gegenangriff parieren wollte (Kulturkampf). Die Zentrumspartei war begründet worden in der Absicht, für die Rechte der katholischen Kirche in Preußen und im Reich einzutreten. Sie verneinte nicht die Reichsgründung, aber sie war doch getragen von der Missstimmung gegen das preußisch-protestantische Übergewicht im neuen Reich und war bestrebt, die Rechte der Einzelstaaten zu stärken. Das ZENTRUM war nie aus Grundsatz eine rein katholische Partei. Schon im Jahre 1852 schuf der damalige Justizminister im Königreich Hannover Ludwig Windthorst in Zusammenarbeit mit dem protestantischen Staatssekretär Dr. Brüel eine neue Synodalordnung der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Die Zentrumspartei schloss die Mitarbeit von Protestanten nicht aus, welche damals freilich nur sehr begrenzt blieb (siehe auch den Satz Julius Bachems 1906: "Wir müssen aus dem Zentrumsturm heraus”). Trotzdem hat sich das ZENTRUM seit seiner Gründerzeit gegen diese Einengung, eine rein konfessionelle Partei zu sein, gewehrt und um die Gewinnung von Protestanten bemüht. Der altkonservative Lutheraner Ludwig von Gerlach gehörte ihm als hospitierendes Fraktionsmitglied an. Es hat fast immer evangelische Abgeordnete gehabt und bei den Septemberwahlen 1930 in Berlin auch einen jüdischen Kandidaten aufgestellt. 

Unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg war sogar der Versuch gemacht worden, die Partei unter Aufgabe ihres traditionellen Namens in eine allgemeine “Christliche Volkspartei” umzuwandeln. Die Gründung und Ausbreitung des evangelischen “Christlich-sozialen Volksdienstes” verhinderte eine Ausbreitung ins protestantische Lager. Seine Wähler fand das ZENTRUM fast ausschließlich unter der katholischen Bevölkerung, auch wenn es nie die Stimmen aller katholischen Wähler auf sich vereinigen konnte (ca. 60% aller aktiven Katholiken, das sog. Kirchenvolk, wählten treu ZENTRUM). Die Gesetzgebung des “Kulturkampfes” hat zahlreiche Katholiken an die Seite des ZENTRUMs getrieben und seine Wählerzahlen erheblich vermehrt. Soweit der Kulturkampf der Bekämpfung des ZENTRUMs galt, war er ein deutlicher Misserfolg. Das Anwachsen der Mandatszahlen gab dem ZENTRUM mit kurzen Zwischenräumen im Kaiserreich und auch noch in den Zeiten der Weimarer Republik in den Reichstagen eine Schlüsselstellung. Im Kulturkampf war das ZENTRUM in eine stark oppositionelle Stellung gedrängt worden. Ab 1878 zeigte sich verstärkt ein Wandel in der Bismarck’schen Innenpolitik, vor allem wegen der Wirkungslosigkeit des Kulturkampfes und des Verlustes von parlamentarischen Mehrheiten aus der Koalition mit den liberalen Parteien (Spaltung der NationalliberalenPartei).Bismarck suchte und fand die Mitarbeit des ZENTRUMs, welche von Windthorst geschickt zum stückweisen Abbau der kirchenfeindlichenGesetzgebung eingesetzt wurde. 

In den Jahren bis 1884 setzte sich das ZENTRUM durch Anträge von Abgeordneten wie v. Galen, Adolf Kolping, Franz Hitze und Georg Graf v. Hertling für die Not der unter dem Manchester-Liberalismus leidenden Arbeiterbevölkerung ein. Es sollte das Leben, die Gesundheit und die Sittlichkeit der Arbeiter geschützt werden. Die hier beginnende Sozialgesetzgebung, die von den Sozialdemokraten nicht unterstützt wurde (August Bebel meinte, die Massen müssten verelenden, damit die Revolution erfolgen könne) wurde maßgeblich von Zentrumspolitikern vorgeschlagen. Sie wurde schließlich von Bismarck durchgeführt, der sich der Erkenntnis der Verelendung der Arbeiterfamilien, ihrer Zerstörung durch Kinderarbeit, 16-Stunden täglicher Arbeit von Männern und Frauen, Sonntagsarbeit, keine Kranken-, Renten-, und Unfallversicherung usw. nicht mehr verschließen konnte. Er erhielt dabei die parlamentarische Unterstützung des ZENTRUMs. So kamen als erste Sozialgesetze unter direkter Federführung des Zentrumspolitikers Franz Hitze und anderer in Zusammenarbeit mit den Konservativen 1883 das Krankenversicherungsgesetz, 1884 das Unfallversicherungs- und 1889 das Invalidenversicherungsgesetz zustande. 

Diese Tradition setzte sich vor allem in der Weimarer Republik fort. Hier ist besonders die Person des Reicharbeitsministers Dr. Heinrich Brauns zu erwähnen, der in dieser Eigenschaft von 1920-1928 die Sozialgesetzgebung um die Arbeitslosenversicherung, den Kündigungsschutz und die aktive Arbeitsmarktspolitik (Arbeitsvermittlung) erweiterte. Nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. 1888 und der Entlassung Bismarcks 1890 durch Kaiser Wilhelm II. wuchs im Deutschen Reich die politische Macht der Sozialdemokratie. Hierdurch steigerte sich der Einfluss des ZENTRUMs als Zünglein an der Waage.So wurde die Partei bis 1906 die Hauptstütze der kaiserlichenRegierung. Die Zentrumsführer standen in diesen Jahren in enger Fühlung mit dem Reichskanzler. Die regierungsverantwortlichen Hohenlohe und Bülow besprachen mit der Zentrumsführung die wichtigsten Gesetzesvorlagen. Jedoch durfte in dieser Zeit der Reichstag niemals an der militärischen Kommandogewalt des Kaisers rühren. Es zeichneten sich noch keine Schritte zu einer stärkeren Parlamentarisierung Deutschlands ab. An diesem Status quo konnte auch die damalige Zentrumsführung nichts verändern, auch wenn z. B. in Bayern jahrelang heftig für ein reformiertes Wahlrecht gekämpft wurde. Der Friedensschluß zwischen dem Deutschen Reich und der katholischen Kirche trug jetzt seine Früchte. Die Zentrumsführung war gegenüber den bestehenden Zuständen durchaus konservativ gestimmt. Politiker wie Spahn, v. Hertling und Kardinal Kopp vertraten die Ansicht, dass das bestehende Deutsche Reich die bestmögliche Situation für den deutschen Katholizismus böte. 

Vor allem in den Reihen der christlichen Gewerkschaften etablierte sich in der Arbeiterschaft jedoch ein linker Zentrumsflügel unter Führung von Matthias Erzberger und des Gewerkschaftsführers Adam Stegerwald, der in scharfem Gegensatz zur Sozialdemokratie stand und nach besseren Lösungen für die soziale Frage suchte. Der linke Flügel förderte besonders die katholischen Arbeitervereine und ihre Organisation der Fachabteilungen, die sog. Berliner Richtung. Es kam bis 1914 gelegentlich zu erbitterten Kämpfen zwischen den verschiedenen Richtungen. Wichtig ist hier, dass das ZENTRUM schon vor 1914 in wachsendem Maß einen sozialen Charakter annahm. Im 1. Weltkrieg unterstützte das ZENTRUM wie alle anderen Parteien durch den sog. Burgfrieden die Kriegsziele und Kriegspolitik der Regierung. Erst als 1917 klar wurde, dass eine Erfüllung dieser Ziele nicht zu erreichen war, kam unter der Führung von Matthias Erzberger im Reichstag eine Friedensresolution unter der Parole: “Frieden ohne Annexionen” zustande. Kurz darauf wurde der Zentrumsabgeordnete v. Hertling zum Reichskanzler ernannt. Im November 1918 kam es zur deutschen Revolution und zur Abdankung des Kaisers. In der veränderten politischen Lage trat eine Persönlichkeit wie Matthias Erzberger ausschlaggebend in den Vordergrund. Erzberger selbst führte die deutsche Delegation zur Aushandlung des Friedensvertrages mit den Alliierten an. 

Das Zentrum und die Bayerische Volkspartei während der Weimarer Republik

Das ZENTRUM blieb auch unter den neuen Verhältnissen die Partei, die verschiedene soziale Schichten in sich vereinte und ihre Gegensätze in den eigenen Reihen auszugleichen versuchen musste. An den Regierungen der Weimarer Republik wie auch im besonderen der Verfassung gebenden Nationalversammlung ist das ZENTRUM fast stets maßgebend beteiligt gewesen, indem es eine Politik des inneren Ausgleichs zwischen den sich radikalisierenden Kräften von Rechts und Links verfolgte. Wie oben erwähnt, war das ZENTRUM unter seinen verschiedenen Reichskanzlern Joseph Wirth, Reichskanzler 1921/22 (Zentrumsvorsitzender 1920-28) Wilhelm Marx 1923-25, 1926-28, Heinrich Brüning 1930-32 innenpolitisch um einen Ausbau der Sozialgesetzgebung auf der Basis der katholischen Sozialethik bemüht. Außenpolitisch suchte es im Sinne einer Erfüllungspolitik den Ausgleich mit den Siegermächten des 1. Weltkriegs und führte Deutschland zurück in die Staatengemeinschaft des Völkerbundes, vor allem nach der Verständigung mit Russland (Rapallo-Verträge). 

Im Jahre 1920 kam es zur Abspaltung der Bayerischen Volkspartei, die verstärkt bayerisch-partikulare Ziele verfolgte (unter der Führung von Georg Heim, später Heinrich Held und Fritz Schäffer), welches zu einer Schwächung der Fraktion um ca. 20 Abgeordnete führte. Die Partei blieb jedoch stets dem ZENTRUM in enger Fraktionsgemeinschaft verbunden. Das ZENTRUM blieb trotz seiner Mittelstellung in der ersten Hälfte des Weimarer Staates im Ganzen auf der politischen Linie, die es in Weimar und schon im I. Weltkrieg mit Sozialdemokraten und Demokraten zusammengeführt hatte. In Bayern stellte die Bayerische Volkspartei stets den Ministerpräsidenten. Durch die geschickte Wirtschaftspolitik der BVP konnten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Bayern gemildert werden.

1921 fiel der Zentrums-Minister Erzberger - genau wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - einem politischen Attentat rechts-nationaler Kreise zum Opfer, nachdem er in einer Kampagne zu Unrecht beschuldigt worden war, die für Deutschland Nachteiligen Regelungen der Versailler Friedensverträge mutwillig herbeigeführt zu haben. Auch Walther Rathenau fiel kurz darauf als Außenminister einem Attentat zum Opfer. 

Bei der Wahl zum Reichspräsidenten 1925, die v. Hindenburg gewann, erhielt der Kandidat des ZENTRUMs Wilhelm Marx nur ca. 1 Mio. Stimmen weniger als der Reichspräsident. Hätte die Sozialdemokratie den Zentrumskandidaten unterstützt, so wäre der unselige Hindenburg wahrscheinlich verhindert worden. Die Jahre nach der Reichspräsidentenwahl waren innenpolitisch relativ ruhig und außenpolitisch erfolgreich. Die Regierungen wurden vom ZENTRUM, der SPD und anderen Mittelparteien getragen (der sog. Weimarer Koalition). Es fanden sich allerdings immer mehr Kabinette, die nur eine Minderheit des Reichstages hinter sich hatten. Dies sollte sich im Verlauf der kommenden Jahre als politisch fatal erweisen.

1928 wurde der Führer der christlichen Gewerkschaften Adam Stegerwald nicht wiedergewählt, sondern Prälat Ludwig Kaas wurde Vorsitzender des ZENTRUMs. Ende März 1930 bildete Heinrich Brüning von der Zentrumspartei eine Regierung der bürgerlichen Mitte, ohne über eine parlamentarische Mehrheit zu verfügen. Nach den Wahlen vom 31. Juli 1932 hatten Nationalsozialisten und Kommunisten zusammen im Reichstag die absolute Mehrheit, die sie gemeinsam nur negativ nutzen konnten, um wichtige Gesetzesvorhaben zu verhindern. Brüning versuchte als Reichskanzler, gestützt auf das Vertrauen des Reichspräsidenten v. Hindenburg, mehr oder weniger ohne Befragung der Parteien, die zu einer Zusammenarbeit mit ihm bereit waren, die Reichsregierung zu führen. Unter anderem erließ Brüning 1932 ein Verbot von SA und SS und versuchte ein Verbot der NSDAP insgesamt durchzusetzen. Es gelang ihm sogar, die schwere Wirtschaftskrise des Jahres 1931 und den Zusammenbruch einiger Großbanken leidlich zu überwinden. Es war ihm aber nicht möglich, dem ständigen Anwachsen der Arbeitslosenzahl zu begegnen. Er musste sich in immer stärkerem Maße auf den Notverordnungsparagraphen der Weimarer Verfassung, den Artikel 48 berufen, der aber keineswegs in dem Sinne gedacht war, die parlamentarischen Einrichtungen und die demokratischen Parteien weitgehend auszuschalten.

Am 30. Mai 1932, kurz nach seiner Wiederwahl, entließ v. Hindenburg Reichskanzler Brüning. Sein Nachfolger wurde der ehemals dem rechten Flügel des ZENTRUMs zugehörige Franz von Papen, der einem Parteiausschluß durch Austritt zuvorkam. Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 läutete das parlamentarische Ende der Parteien im deutschen Reichstag ein. Nach Annahme des zunächst auf vier Jahre befristeten vierten Ermächtigungsgesetzes seit 1919, dem sog. "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Staat"  am 23. März 1933 wurde eine Partei nach der anderen verboten oder löste sich wie das ZENTRUM am 5. Juli 1933 selbst auf. Die Zustimmung des ZENTRUMs zum Ermächtigungsgesetz war ein letzter Versuch, Hitler und seine Nationalsozialisten unter einer gewissen Kontrolle zu halten, die gegebenen Garantien für Parteien, Kirche und Institutionen zu schützen und somit das Land und das Parlament vor der völligen Kontrolle durch die National-Sozialisten zu schützen. Es sollte sich sehr bald zeigen, dass die Hoffnungen oder Zusagen, von denen sich das ZENTRUM und andere Mittelparteien beeinflussen ließen, trogen bzw. in keiner Weise eingehalten wurden. Man konnte Anfang 1933 die weitere Entwicklung noch nicht übersehen. Auch entschiedene Demokraten vertraten damals die Ansicht, Hitler und seine Partei sollten zeigen, was sie können oder nicht können, und dann wäre eine Veränderung möglich. Diese Rechnung war falsch. Hitlers Weg zur absoluten Macht war nun frei. Auch das kurz darauf zwischen dem Vatikan und Hitler geschlossene Reichskonkordat (unter maßgeblicher Mitwirkung von Ludwig Kaas) konnte später den Schutz der Kirchen nicht sicherstellen, was die Ermordung zahlloser Kleriker in den Konzentrationslagern des 3. Reiches beweist. 

Die deutsche Zentrumspartei nach 1945

Die neue Zentrumspartei wurde 1945 gegründet. Maßgebend dabei war Johannes Brockmann, der unter dem Eindruck stand, dass die CDU einen Kurs steuere, der zu weit nach rechts wies. Besonders beteiligt waren Rudolf Amelunxen, späterer erster Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Helene Wessel, die auch am Grundgesetz mitwirkte. Von den Militärbehörden im britischen Sektor war das ZENTRUM ausdrücklich an der Mitarbeit zu einer deutschen Verfassung eingeladen worden. Im Frankfurter Wirtschaftsrat hat das ZENTRUM anstelle der „Freien Marktwirtschaft“ eine "Soziale Marktwirtschaft" gefordert und durchgesetzt, die zu den größten und bedeutendsten Errungenschaften der jüngeren Geschichte gehört. Im Parlamentarischen Rat hat es das Grundgesetz mitgestaltet. Bei der ersten Bundestagswahl hat das ZENTRUM noch 10 Mandate erringen können. Auch die Landesverfassungen von Nordrhein- Westfalen und Niedersachsen tragen die Handschrift des ZENTRUM. In Nordrhein-Westfalen hat es zusammen mit der CDU die auf dem Elternrecht aufgebaute Verfassung in einer Volksabstimmung durchgesetzt. In Nordrhein-Westfalen galt das ZENTRUM immer als „die Partei des Elternrechts“. Bis 1958 war das ZENTRUM in allen Landesregierungen Nordrhein-Westfalens vertreten. Auch in Niedersachsen hat das ZENTRUM mehrmals der Landesregierung angehört.

Heute ist das ZENTRUM wieder  in einigen Regional- und Kommunalparlamenten in Deutschland vertreten. Das ZENTRUM hat in Gesetzgebung und Verwaltung die christlichen Grundwerte und die christliche Soziallehre mit Erfolg zur Geltung gebracht, wo immer es in den Parlamenten vertreten war. Das ZENTRUM war stets bestrebt, seine weltanschaulichen und politischen Werte lebendig zu erhalten und wirksam zu vertreten, weil das ZENTRUM davon überzeugt ist, dass eine Demokratie ohne wertbezogene und wertbeständige Mitte auf Dauer nicht überleben kann.

Angesichts der zunehmenden Abweichung christlich-sozialen Grundsätzen und der immer offenkundiger werdenden Anpassung an den Zeitgeist gewinnt das ZENTRUM wieder an Berechtigung und Bedeutung. Eine zunehmende Zahl von Menschen aus allen kirchlichen und gesellschaftlichen Lagern schließt sich ihm an. Der amtierende Bundesvorsitzende der Deutschen Zentrumspartei, Gerhard Woitzik aus Dormagen (Rheinland), zur Zeit Stadtratsmitglied und Kreistagsabgeordneter (früherer Bürgermeister der Gemeinde Nievenheim/Kreis Neuss und Vizebürgermeister der Stadt Dormagen) hat einen großen Anteil am Überleben des ZENTRUM.